4 Fragen an Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu


Porträt von Yasemin Karakaşoğlu

Yasemin Karakaşoğlu: „Studentenwerke und Hochschulen müssen mit ihren Angeboten die richtigen Signale setzen und dabei nicht migrationsfixiert sondern migrationssensibel auftreten.“ | (c) Uni Bremen

Morgen kommt nun die Jury zusammen, um die fünf Pilotprojekte auszuwählen. Wir haben das Jurymitglied Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu vorab einige Fragen zu „Studieren mit Migrationshintergrund“ gestellt.
Sie ist Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität und Professorin für Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Bildungsbetiligung von Menschen mit Migrationshintergrund in Schule und Hochschule.

Deutsches Studentenwerk (DSW): Was sind aus Ihrer Sicht die drei dringendsten Punkte im Hochschulbereich, die sich verändern müssen, um mehr Chancengleichheit für Studierende mit Migrationshintergrund zu erreichen?

Yasemin Karakaşoğlu (YK): a. Die Hochschulen müssen sich stärker als bisher mit ihrem Bild vom „Normalstudierenden“ und der Notwendigkeit sich gegenüber nicht-klassischen Studierendengruppen zu öffnen, auseinander setzen. Das bedeutet, in der Informationspolitik, der (An-)Werbung einen Schritt auf diejenigen Studierenden zuzugehen, die familiär bedingt und auch über manche negativen Erfahrungen mit Bildungsinstitutionen eine höhere Schwelle des Zugangs zum Hochschulstudium haben als andere. Das heisst, Hochschulen müssen schon in den Schulen aber auch in den Quartieren mit einer entsprechenden Ansprache zukünftiger Studierender anfangen.

b. Studierende, die nicht mit Deutsch als Familiensprache aufwachsen und die darüber hinaus vielleicht die ersten Studierenden ihrer Familien sind, müssen sich in den Strukturen, Handlungsweisen und Haltungen von Hochschule und den Beratenden dort wiederfinden. Das Personal muss sich ebenso interkulturell öffnen und entsprechend zusammen gesetzt sein wie die umgebende Gesellschaft.

c. Wichtig ist auch der Aspekt der Antidiskriminierung: Während schon im Schulleben viele Schüler/innen mit Migrationshintergrund mit Vorurteilen ihnen gegenüber konfrontiert wurden und sie auch in der Gesellschaft zumeist mit negativen Bildern über so genannte „Menschen mit Migrationshintergrund“ konfrontiert werden, sind die Hochschulen aufgefordert, sich mit ihren diskriminierenden Strukturen und Handlungsweisen auseinander zusetzen und den Studierenden unterschiedlicher Milieus mit Anerkennung und Wertschätzung zu begegnen. Unterstützungsmaßnahmen sollten vermeiden, neue Stigmatisierungen herzustellen.

DSW: Wie sehen Sie das Potential von Studium+M?

YK: Studium+M kann Studentenwerke und Hochschulen für die Notwendigkeit sensibilisieren, die Gruppe der Studierenden mit Migrationshintergrund als eine „Farbe“ der Normalstudierenden wahrnzunehmen und nicht – wie häufig zu hören ist – als besondere Problemfälle.
Das Programm kann dazu anregen, partizipative Formen des Zugangs zur Hochschule und der Unterstützung von Studienerfolg durch Bereitstellung von Orientierungswissen und Peer-Coaching zu fördern, bei denen die (zukünftigen) Studierenden mithelfen, Schwachstellen bei der Studierendenorientierung der Hochschulen aufzudecken und selbst aktiv mitwirken, andere Studierende in ihrem Studienerfolg zu unterstützen. So verstanden kann das Programm ein wichtiger Beitrag zur interkulturellen Öffnung von Hochschule sein.

DSW: Welche Empfehlung geben Sie den Studentenwerken?

YK: Nicht nur bei den Studierenden mit Migrationshintergrund als Zielgruppe besonderer Fördermaßnahmen anzusetzen, sondern ihre eigenen Verwaltungsstrukturen, -routinen und auch die interkulturellen Kompetenzen ihres Personals dahin gehend zu hinterfragen, ob sie auf die Situation einer heterogenen Studierendenschaft auch angemessen eingestellt sind.
Ich empfehle weiter dieses Programm nicht als kurzzeitige finanzielle Unterstützung für Sondermaßnahmen zu betrachten, sondern als Innovationsschub mit nachhaltiger Wirkung, so dass Maßnahmen, die sich hier bewährt haben, in die Breite gebracht und in den Mainstream der Organisation eingespeist werden.
Außerdem sollten die Studentenwerke sich als Akteure in einem großen Netzwerk begreifen, bei dem andere Beratungseinrichtungen aber auch das Hochschulpersonal, allen voran die Dozierenden auch eine Zielgruppe für entsprechende Maßnahmen zur Verbesserung der Studienbedingungen von Studierenden sind. Sie müssen mit ihren Angeboten die richtigen Signale setzen und dabei nicht migrationsfixiert sondern migrationssensibel als Teil von Diversitätsbewusstsein auftreten.

DSW: In der 19.  und 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt sich, dass der Anteil der Studierenden mit Migrationshintergrund aus ärmeren und bildungsfernen Familien viel größer ist als der Studierender ohne Migrationshintergrund. Was sagen Sie zu unserer Schlussfolgerung, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund aus ärmeren, bildungsfernen Verhältnissen sind besonders ehrgeizig und bildungsorientiert sind?

YK: Das ist ein in der Migrationsforschung wiederholt belegter Zusammenhang, dass die Nachfahren von Zugewanderten besonders ehrgeizig und bildungsorientiert sind. Nicht selten erfüllen sie damit auch einen familiären Aufstiegs- und Bildungsauftrag, da ja das familiäre Projekt der Migration das Ziel hatte, für die kommenden Generationen bessere Lebensverhältnisse zu schaffen.
Dazu kommt, dass Migrant/innen aus sozial benachteiligten Verhältnissen und spezieller Herkunftsgruppen mit niedrigem Prestige sich stetig mit Vorurteilen der umgebenden Gesellschaft gegenüber ihrer Bildungswilligkeit und –fähigkeit auseinander zu setzen haben – ich erinnere an Sarrazins Bucherfolg.
Viele sehen es als ihre persönliche Mission, Stereotypen ad absurdum zu führen, indem sie besonders zielstrebig und fleißig sind. Das kann auch eine Strategie sein, negativen Folgen von Diskriminierung für das Selbstwertgefühl aktiv entgegen zu wirken im Sinne eines: jetzt erst recht.


Über Bettina Kracht | Deutsches Studentenwerk

Ich arbeite seit 2010 im Referat Presse des Deutschen Studentenwerks und begleite das Programm Studium+M als Redakteurin des Blogs. Ich hoffe, mit dem Blog viel Wissen, Material und Experteninterviews zum Thema „Studieren mit Migrationshintergrund“ sammeln zu können, um mit diesem Erfahrungsschatz weitere Studentenwerke bei der Umsetzung ähnlicher Projekte zu unterstützen.

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