Chripa Schneller: Die Vielfalt ist die Norm


Blick in einen Seminarraum. Die Dozentin sitzt an der Stirnseite und hält einen Vortrag. Links und rechts sitzen ca. 10 Teilnehmer/innen

Chripa Schneller forscht an der Universität Bremen dazu, welche subjektive Bedeutsamkeit dem Merkmal Migrationshintergrund im Hochschulkontext zukommt. Einfacher gesagt: was bedeutet es für Studierende, einen Migrationshintergrund zu haben | (c) DSW

Was bedeutet es für Studierende, einen Migrationshintergrund zu haben? Das ist die Fragestellung, der Chripa Schneller in ihrer Promotion am Fachbereich Interkulturelle Bildung der Universität Bremen nachgeht und eine Frage, die uns natürlich auch im Programm begleitet. Glücklicherweise konnten wir Chripa Schneller für den Eröffnungsvortrag beim Kick-off Workshop in Berlin gewinnen. Sie warf für uns einen kritischen Blick auf den Stand der Forschung und gab aufschlussreiche Einblicke in die Bedürfnisse von Studierenden+M. Für unseren Blog hat sie die Zitate aus ihrem Vortrag, die uns am prägnantesten erschienen, noch mal weiter ausgeführt.

„Hinter dem Begriff ‚Migrationshintergrund‘ steht eine sehr heterogene Gruppe von Menschen. Wir müssen aufpassen, hier nicht zu verallgemeinern.“

Was wissen wir über die Studierenden mit ,Migrationshintergrund‘? Wie in diesem Forum bereits des Öfteren beschrieben hat fast jede_r vierte Studierende einen sogenannten ,Migrationshintergrund‘. Sie stammen öfter als ihre Kommiliton_innen aus bildungsfernen und sozial schwachen Elternhäusern. Genau diese Studierenden möchte das Projekt Studium+M ansprechen. Bei der Ansprache ist allerdings Vorsicht geboten. Allzu schnell wird der sogenannte ,Migrationshintergrund‘ mit sozialem Status gleichgesetzt und allein mit Problemen und Herausforderungen assoziiert. Studierende mit ,Migrationshintergrund‘ sind jedoch eine sehr heterogene Gruppe hinsichtlich ihrer Migrationsgeschichte, demographischer Merkmale, Vorlieben und Interessen, wie Studierende ohne ,Migrationshintergrund‘ auch. Sie sind ein Teil der gesellschaftlichen Vielfalt mit vielen Potentialen.

Ein Schlüsselerlebnis bei der Diskussion mit den Teilnehmer_innen zeigte, wie hilfreich es sein kann, über Begrifflichkeiten zu sprechen: eine Teilnehmerin stellte überrascht fest, dass sie nach der Definition des Deutschen Studentenwerkes selber zu der Gruppe der Studierenden mit ,Migrationshintergrund‘ gehört. An diesem Beispiel konnten wir auch erörtern, warum eine reflektierte Ansprache dieser „Gruppe“ wichtig ist und warum wir Angebote brauchen, die sensibilisieren ohne zu stigmatisieren.

„Es ist wichtig, die Studierenden anzusprechen, ohne sie zu stigmatisieren“

Meiner Erfahrung nach werden Förderangebote für Studierende mit ,Migrationshintergrund‘ unterschiedlich angenommen. Es kommt auf eine sensibilisierte Ansprache an. Manche Studierende brauchen Hilfe, aber es besteht manchmal Unverständnis, dass ihr Förderbedarf allein mit ihrem „Migrationshintergrund“ in Zusammenhang gebracht wird. Eine junge Stipendiatin erzählte mir, dass sie zunächst erschrocken war, als sie ein Poster für ein Stipendium für Studierende mit ,Migrationshintergrund‘ gesehen hatte, da sie das als positive Diskriminierung empfand („Bin ich benachteiligt, weil ich einen Migrationshintergrund habe?“). Auf der anderen Seite wird die Förderung auch dankbar angenommen, nicht zuletzt, weil sie hilft, Studierende mit „Migrationshintergrund“ als einen Teil der vielen Facetten unserer Gesellschaft und eben auch der Hochschule sichtbar zu machen.

Den Studium+M Projekten möchte ich empfehlen, zu überlegen, welche Art von Unterstützung sie an ihren Standorten anbieten wollen, sowie den Bedarf in ihrem Umfeld zu prüfen. Sie kommen vielleicht zu dem Ergebnis, dass Studierende mit „Migrationshintergrund“ an ihren Standorten beispielsweise Unterstützung in Deutsch als Wissenschaftssprache benötigen? Oder sich eine(n) Mentor(in) oder Austausch mit anderen Studierenden wünschen? Wichtig ist es, „Migrationshintergrund“ nicht als monokausales Problem darzustellen und sensibel zu kommunizieren.

„Es reicht nicht, nur zu informieren. Wichtig ist in Beratungssituationen auch, die bereits vorhanden Fähigkeiten sichtbar zu machen und zu stärken.“

Einige der Studium+M Projekte möchten potenzielle Studierende bereits an Schulen ansprechen und beraten. Das ist sicher ein guter Ansatz. Hilfreich sind hierbei die Erkenntnisse aus bereits bestehenden Projekten, zum Beispiel dem Mi-Coach Programm an der Universität Bremen. Wir wissen, dass es bei einer guten Beratung an der Schnittstelle Schule-Studium nicht um ein bloßes Informieren über Studienmöglichkeiten geht. Vielmehr steht im Vordergrund, die eigenen Fähigkeiten sichtbar zu machen und zu stärken. In anderen Worten, ein „fähigkeitsbezogenes Selbstkonzept“ zu entwickeln (Wojciechowicz: 2010). Das ist vor allem deshalb wichtig, weil viele schulischen Probleme aus einer kritischen Haltung sich selbst gegenüber resultieren. Wenn die Studium+M Projekte nun also Beratung bei der Studienentscheidung bzw. im Studienverlauf anbieten möchten, sollten sie sich bewusst machen, dass kein isolierter Beratungsanlass besteht. Gute Beratung heißt, den Blick vom Problem- zum Chancenansatz lenken.

„Den Begriff selbst hinterfragen: Was bedeutet es für den Einzelnen, Mensch einer solchen Kategorie zu sein, die von anderen konstruiert wurde?“

Woher kommt der Begriff „Migrationshintergrund“ eigentlich? Wenn man, wie auch im Projekt Studium+M, so großzügig mit diesem Begriff umgeht, ist es wichtig, sich auch bewusst zu machen, dass es ihn nicht einfach schon immer gab. „Migrationshintergrund“ ist eine Konstruktion, die eingeführt wurde, um Effekte von Zuwanderung beschreiben und Gruppen unterscheiden zu können. Wäre Studium+M vor 20 Jahren gestartet, hätten man möglicherweise von „Gastarbeiterkindern“ oder „Ausländern“ gesprochen. Durch die rechtliche und soziale Veränderung der letzten Jahrzehnte ist das Kriterium der Staatsbürgerschaft heute dafür nicht mehr ausreichend.

Doch was kann es eigentlich für den Einzelnen bedeuten, Teil einer solchen Kategorie („Mensch mit Migrationshintergrund“) zu sein? Paul Mecheril schreibt, dass eine solche Identität außerhalb der eigenen Bestimmungshoheit liegt. Niemand hat einen „Migrationshintergrund“. Man wird durch den Diskurs zu einem „Menschen mit Migrationshintergrund“ gemacht.

Zu einem sensiblen Umgang mit Studierenden mit ,Migrationshintergrund‘ gehört deshalb auch ein Nachdenken über den Begriff und ein Bewusstsein schaffen dafür, dass mit dem Begriff eine Identität erst zugeschrieben wird.

„Die Förderung von Studierenden mit Migrationshintergrund ist gut. Wichtig ist aber auch eine ständige Reflexion seitens der Hochschulen, ob sie selbst im Hinblick auf die kulturelle Vielfalt gerecht und effektiv sind.“

Um gerechte Teilnahme an Bildung möglich zu machen, sollte die interkulturelle Öffnung des Bildungssystems, auch der Hochschulen, ernst genommen werden. Damit ist nicht die Einführung von Spezialmaßnahmen für Menschen mit Migrationshintergrund gemeint, sondern die Veränderung des Blickwinkels der Bildungsinstitutionen (Karakaşoğlu: 2012).

An den Hochschulen herrscht meist ein Bild von Studierenden, die einer bestimmten Norm entsprechen. Diese Norm spiegelt nicht die gesellschaftliche Realität wider. Unsere Gesellschaft besteht aus einer ethnischen, kulturellen, sozialen und sprachlichen Vielfalt. Damit meine ich nicht nur Menschen mit „Migrationshintergrund“, sondern alle Facetten des Lebens. Behinderung, Lebensumstände, Alter und persönliche Biografien sollten nicht ausschlaggebend für die Teilnahme an höherer Bildung sein. Wichtig ist die Anerkennung von Vielfalt als Ausdruck der gesellschaftlichen Realität. Und die Frage: Wird die Hochschule dieser Vielfalt gerecht? Nachhaltigkeit kann dann erreicht werden, wenn wir erkennen: Die Vielfalt ist die Norm.

Quellen

Karakasoglu, Yasemin (2012): Interkulturelle Öffnung von Schulen und Hochschulen, in: Griese, Christiane/Marburger, Helga (Hrsg.): Interkulturelle Öffnung. Ein Handbuch,München, S.93-118.

Wojciechowicz, Anna (2010). Welchen Bedarf an Beratung haben studieninteressierte Schülerinnen mit Migrationshintergrund beim Übergang Schule-Studium? In: Zeitschrift für Beratung und Studium (ZBS) – Handlungsfelder, Praxisbeispiele und Lösungskonzepte. 5.Jg./ Heft 2, S. 35-40.

Mecheril, Paul et al. (Hg.), 2010: Migrationspädagogik. Reihe: Bachelor-Master. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.


Über Bettina Kracht | Deutsches Studentenwerk

Ich arbeite seit 2010 im Referat Presse des Deutschen Studentenwerks und begleite das Programm Studium+M als Redakteurin des Blogs. Ich hoffe, mit dem Blog viel Wissen, Material und Experteninterviews zum Thema „Studieren mit Migrationshintergrund“ sammeln zu können, um mit diesem Erfahrungsschatz weitere Studentenwerke bei der Umsetzung ähnlicher Projekte zu unterstützen.

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *