Kick-off – es geht los! 1


Berlin, Geschäftsstelle des Deutschen Studentenwerks (DSW), unweit der Hackeschen Höfe. Im Max-Kade-Meeting-Center fällt nochmals symbolisch der Startschuss für das ambitionierte Programm Studium+M. Hier, mit herrlichem Blick auf die Berliner Museumsinsel, sind wir nun versammelt – geradezu vereint. Wir, das sind vor allem die jeweils zwei Kolleg/innen der fünf Studentenwerke, die den Förder-Zuschlag erhalten haben. Die meisten befassen sich bereits seit der Ausschreibung im vergangenen Sommer mit dem Projekt. Einige wurden auch ganz „frisch“ eingestellt. Bemerkenswert: aus vier Studentenwerken sitzen die Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit am Tisch. Das verdeutlicht den hohen Stellenwert, den das Programm für die einzelnen Studentenwerke aufweist.

Es macht aber auch deutlich, worum es in den beiden Tagen unseres Kick-off-Meetings geht, nämlich in mehrfacher Hinsicht die richtige Sprache zu finden.

Drei Fragen sollen dies umreißen:

  • Wen meinen wir eigentlich, wenn wir von Schüler/innen und Studierenden „mit Migrationshintergrund“ sprechen?
  • Laufen wir nicht Gefahr durch diese Bezeichnung, diese sprachliche Kategorisierung oder auch Kulturalisierung, eine Gruppe zu schaffen, die es so gar nicht gibt?
  • Wie sprechen wir die „Betroffenen“ so an, dass wir sie nicht stigmatisieren und damit letztlich diskriminieren?

Um diese und zahlreiche weitere Aspekte dreht sich unser abwechslungsreiches Programm. Die anwesenden Projektleiter der fünf Studentenwerke aus Bonn, Darmstadt, Marburg, Köln und Thüringen stellen jeweils ihre Ideen in einem 20-minütigen Vortrag vor. Was wohl tut: alle sprechen, trotz aller Vorfreude auf das Projekt, sehr offen auch über ihre ungeklärten Fragen, über die Schwierigkeiten, die sie sehen. So entfalten sich lebendige und offen geführte Diskussionen. Das liegt nicht zuletzt an den beruflichen Vorerfahrungen und den akademischen Hintergründen. Es geht sehr interdisziplinär zu. Wir repräsentieren Pädagogen, Psychologen, Bildungs-, Kommunikations-, Sozial-, Sprach- und Theaterwissenschaftler – mit und ohne Migrationshintergrund!

Wir schmoren aber nicht nur im eigenen Saft. Das DSW hat einige sehr bereichernde externe Gäste aus Wissenschaft und Praxis hinzugebeten, die helfen unseren Blick zu schärfen.

Ein Überblick

Chripa Schneller vom Fachbereich Interkulturelle Bildung der Uni Bremen eröffnet mit einem kritischen Blick zum Stand der Forschung, also zur Frage, über wen wir sprechen. Vor allem macht sie deutlich, dass nur qualitative Befragungen helfen werden, den konkreten Bedarf vor Ort herauszufinden, da es sich nicht um eine homogene Gruppe handelt. Auch die Forschung tut sich nicht leicht, die richtigen Kategorien zu finden. Unser aller Ziel sollte es daher sein, sensibel vorzugehen. Darüber hinaus betont sie, dass es zu wenige Projekte gäbe, die sich dem Übergang von Hochschule zum Arbeitsmarkt widmen.

Jonas Poskowsky vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) stellt uns detailliert die Ergebnisse der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks mit Bezug zur statistischen Erfassung der Studierenden mit Migrationshintergrund dar. Es handelt sich dabei um die Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland. Wir lernen, dass in der Sozialerhebung der Migrationshintergrund bestimmt wird durch „Angaben der Studierenden zu ihrer eigenen Staatsangehörigkeit und der ihrer Eltern, ob sie selbst und/oder ihre Eltern in Deutschland oder einem anderen Land geboren wurden und ob sie selbst die Staatsangehörigkeit gewechselt haben.“ Daraus leitet sich der Migrationsstatus ab. Statistisch gesehen sollten wir unseren Fokus auf Bildungsinländer (ausländische Staatsangehörigkeit) und Eingebürgerte (also diejenigen, die die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben) legen, denn dort lassen sich während des Studienverlaufs tendenziell eher Unterbrechungen ermitteln, vor allem aus finanziellen Gründen.

Zweifellos ein Höhepunkt des Programms, insbesondere weil authentisch geschildert, ist die Vorstellung des Vereins iInteGREATer e.V. durch Saliha Ateş und Borebardha Krasniqi. Sie nehmen Integration im wörtlichen Sinne persönlich und gehen mit ihren Bildungsbiographien als Vorbilder in die Schulen, sprechen mit den Schülern und deren Eltern. Sie verkörpern in nahezu idealerweise unsere Idee einer natürlichen und selbstverständlichen Ansprache, ohne zu „stempeln.“ Fazit: besonders nachahmenswert.

Einen sehr tiefgründigen Blick bieten auch die Macher von ProMi – Projekt Hochschule in der Migrationsgesellschaft, präsentiert von Andrea Härtel und Rebecca Bahr der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. In ihrer Studie haben sie sich sowohl quantitativ als auch qualitativ der Erfahrungen von Studierenden mit Migrationshintergrund angenähert und daraus für die Hochschule Handlungsempfehlungen entwickelt. So lauert Diskriminierung letztlich überall, auch unbewusst und in der Alltagssprache. Eine Organisation, ob nun Hochschule oder das Studentenwerk, muss sich dies bewusst machen und als Ganzes weiterentwickeln. Dazu gehört Training und einer hohe Reflexionsfähigkeit. Dabei geben auch sie zu bedenken, nicht Gruppen, sondern Themen anzusprechen.

Rahmenprogramm

Ein kurzes Wort zum Rahmenprogramm sei auch noch erlaubt, weil es so wunderbar zum Thema passte. Am ersten Abend gingen wir nach Kreuzberg ins Theater Ballhaus Naunynstraße. Das Stück On my way home widmete sich den Erfahrungen von Kindern von Arbeitsmigrant/innen, die in ihren Heimatländern zurückgelassen wurden und daher den Beinamen Kofferkinder erhielten. Bewegendes, kreativ gemachtes Theater.

Fazit

Nach insgesamt rund 16 Stunden Vorträgen und Diskussionen ist unser Respekt vor diesem Projekt so groß wie zuvor. Wir machen uns nochmals klar, dass wir „nur“ einen Beitrag leisten wollen, dass es sich bei unseren Projekten um Projekte mit Pioniercharakter handelt. Wir wollen die Vernetzung vorantreiben und uns auf die Vor-Ort-Arbeit in den Schulen, Hochschulen und Studentenwerken konzentrieren.

Das Wichtigste allerdings: die gesellschaftliche Realität in Deutschland, insbesondere in der Studierendenschaft, ist vielfältiger geworden. Lasst uns den Blick auf die positiven Seiten lenken: auf gelebte Mehrsprachigkeit und auf die Brückenbauer zwischen Kulturen und Milieus. Und vor allem: Jeder Schüler, jeder Studierende und auch deren Eltern sind individuell zu betrachten und nicht als Teil einer von außen zugeschriebenen Gruppe.

Bei allem Schwung sind wir uns aber auch darüber bewusst, dass gewaltige (gesellschaftliche) Herausforderungen in den Übergängen von der Grundschule in die Sekundarstufe I und von der Hochschule in den Arbeitsmarkt liegen.

Dank

Ein besonderer Dank gilt natürlich dem Förderer des Projekts, der Mercator Stiftung, die dieses Meeting und das abwechslungsreiche Programm möglich gemacht hat und selbstverständlich dem DSW, namentlich Geneviève Belanger-Ünal und Isabelle Kappus.

 

Teilnehmer/innen der Studentenwerke

Studentenwerk Bonn: Bahar Cakir und Robert Anders

Studentenwerk Darmstadt: Ursula Frühwein und Christina Wendt

Studentenwerk Marburg: Franziska Busch und Albrecht Metzler

Kölner Studentenwerk: Zeliha Anaç und Melanie Hagedorn

Studentenwerk Thüringen: Nadine Keitel und Dr. Elke Voß

 

Teilnehmer/innen des DSW

Isabelle Kappus und Geneviève Belanger-Ünal


Über Robert Anders | Studierendenwerk Bonn

Ich verantworte die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Studentenwerk Bonn. Das Programm Studium+M habe ich von Anfang an begleitet und unterstütze nun die Außenwirkung. Als studierter Staats- und Sozialwissenschaftler haben mich schon immer gesellschaftliche Zusammenhänge interessiert. Dabei mitzuwirken, jedem – unabhängig von Herkunft und Elternhaus – die gleichen Chancen zu eröffnen und Hürden nieder zu reißen, spornt mich an. Studium+M leistet dazu einen ganz konkreten Beitrag.


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