Passt die Welt in Schubladen?


„Zollstock-Übung“ und „Eisberg-Modell“: AHA-Erlebnisse  Workshop für Mitarbeiter*innen
Von Ann-Kathrin Landzettel
Ein wenig nervös war das Projekt-Team zum Auftakt der Workshop-Reihe „Passt die Welt in Schubladen?“, die im Studierendenwerk Darmstadt angeboten werden, schon. „Der erste Workshop ist immer etwas Besonderes“, findet Christina Wendt. Und ihr Kollege Benjamin Lobedank ergänzt: „Jeder Workshop hat seine ganz eigene Dynamik. Aber der erste ist immer besonders spannend.“ Neugierig waren die beiden interkulturellen Trainer vor allem auf die Gruppenarbeiten und den gemeinsamen Austausch.
Am 27. April fand der erste Workshop für Mitarbeiter*innen des Studierendenwerks statt. Die Workshops sind Bestandteil der Personalentwicklung. Die Gruppe war bunt gemischt: Die Geschäftsstelle war ebenso vertreten wie die Bereiche Hochschulgastronomie, Studienfinanzierung und Werkstatt. Insgesamt 15 Teilnehmer*innen starteten gemeinsam in den Tag. Vor allem die praktischen Übungen kamen gut an.
Mit dem Zollstock zu mehr Teamwork
„Der Workshop war sehr interessant und kurzweilig – auch durch die praktischen Übungen“, sagt Ewald Usnerus, der seit elf Jahren für das Studierendenwerk Darmstadt arbeitet. Das größte AHA-Erlebnis hatte der Betriebshandwerker, der die Mensen und die Wohnheime betreut, bei dem Zollstock-Experiment. „Eigentlich war die Aufgabe einfach: Eine Gruppe von acht Personen hat einen zwei Meter langen Zollstock auf den Zeigefingern balanciert und sollte diesen, ohne den Kontakt zu verlieren, gemeinsam auf den Boden legen“, erklärt Usnerus. „Gelungen ist uns das aber nicht. Das war wirklich verrückt.“ Für ihn war diese Übung ein beeindruckendes Symbol dafür, wie schwer es sein kann, gemeinsam etwas umzusetzen – selbst wenn alle das gleiche Ziel verfolgen. „Die Übung hat uns gezeigt, wie wichtig Zusammenarbeit, Abstimmung und Rücksichtnahme sind – in jedem Lebensbereich.“
Lücken in der Kommunikation fördern Aggressionen
Wie wichtig Kommunikation ist, zeigte auch das Rollenspiel „Mittagspause“. Hierfür wurden die Teilnehmer*innen in zwei Gruppen eingeteilt: Gruppe eins argumentierte für eine zweistündige Mittagspause, Gruppe zwei dagegen. Die Hürde: Gruppe eins musste gelassen bleiben und durfte auf die Argumente der anderen Gruppe nicht gleich reagieren. Gruppe zwei wusste von dieser Absprache nichts. „Man hat richtig gemerkt, wie sich mit dem Wunsch, Gehör zu finden, eine gewisse Aggression entwickelt hat. Das Gefühl nicht ernst genommen zu werden hat diesen Effekt zusätzlich verstärkt“, erinnert sich Usnerus. „Das Rollenspiel hat deutlich gezeigt, wie schnell sich Dinge hochschaukeln können – obwohl das nicht sein müsste. Einfach weil die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger gestört ist.“
Richtige Kommunikation ist eine Herausforderung
Auch Marlena Fabian, die in der Personalabteilung des Studierendenwerks für den Bereich Aus- und Weiterbildung zuständig ist, fand das Rollenspiel beeindruckend: „Nicht nur, dass es sehr unangenehm war, die Aggression der anderen Gruppe aushalten zu müssen und sich nicht verteidigen zu dürfen. Die Übung hat verdeutlicht, wie schnell Emotionen hochkochen können, wenn erwartete Reaktionen ausbleiben. Kommunikation ist der Schlüssel für das Miteinander und das Lösen von Problemen. Aber Kommunikation ist auch eine große Herausforderung. Das wurde mir durch das Rollenspiel noch bewusster“, sagt Fabian. „Und ich habe mir vorgenommen, im Alltag noch aufmerksamer zuzuhören, nachzufragen und auch mal das Schweigen des Gegenübers auszuhalten, ohne gleich ungeduldig zu werden.“ Gerade im Kontakt mit Studierenden – mit und ohne Migrationshintergrund – gebe es häufig die Situation, dass man etwas erkläre und der andere schweige. Dann sei es wichtig, dieses Schweigen nicht automatisch als Ablehnung zu deuten, sondern als Signal, dass die Person nachdenkt oder vielleicht etwas nicht verstanden hat.

 

 

Eisbergmodell - interaktiv

„Eisberg“-Modell interaktiv in der Gruppe erarbeitet

Die Spitze des Eisbergs: Der erste Eindruck täuscht
Spannend fand Fabian auch das Eisberg-Modell. Denn es macht deutlich: Nur ein kleiner Teil eines Menschen, den wir vor uns haben, ist sichtbar. Der viel größere Teil bleibt verborgen. Doch gerade dieser unsichtbare Teil macht sein Handeln, sein Denken und seine Gefühle aus. „Das Modell zeigt sehr schön, wie schnell wir dazu neigen, die Spitze des Eisberges als den kompletten Menschen zu betrachten – und ihn aufgrund dieser oberflächlichen Wahrnehmung und des ersten Eindrucks in Schubladen zu stecken“, sagt sie. „Wir müssen viel genauer hinschauen. Nur so können wir fair und offen sein und respektvoll miteinander umgehen.“
„Alle Menschen sind wertvoll in ihrer Individualität und Einzigartigkeit“
Respekt gehört neben Toleranz auch für Gülsen Arslan zu den wichtigsten Fähigkeiten im Umgang miteinander. „Egal ob im Alltag oder im beruflichen Leben – es ist sehr wichtig, dass wir Menschen uns immer mit gegenseitigem Respekt begegnen“, so die Mitarbeiterin der Abteilung Studienfinanzierung/ BAföG. Menschen seien nicht gleich, aber gleichermaßen wertvoll in ihrer Individualität und Einzigartigkeit. Das müsse man sich immer wieder bewusst machen.
Vorurteile hat jeder
Ihr persönliches AHA-Erlebnis hatte Arslan bei der Besprechung des Eisberg-Modells. „Es besteht immer die Gefahr, das Gegenüber aufgrund einiger weniger Informationen zu beurteilen. Vorurteile sind ein Bestandteil unserer Gesellschaft und niemand kann sich komplett von ihnen freisprechen. Aber man kann sich ihrer bewusst werden – und sich die Fähigkeit bewahren, das eigene Denken und Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen. Und wir sollten uns immer bewusst sein, dass unser Bild unvollständig ist“, fasst sie zusammen.
Arslan ist nicht nur in den Workshop gegangen, um sich weiterzubilden. „Mich als Deutsche mit Migrationshintergrund betrifft dieses Thema. Ich finde solche Workshops sehr wichtig, weil wir in einer Zeit leben, in der unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen. Es kann manchmal zu Schwierigkeiten oder Missverständnissen im Umgang miteinander kommen. Ich möchte nicht aus Unwissenheit einem Menschen zu nahe treten. Deshalb war es mir wichtig an diesem Workshop teilzunehmen. Es ist wichtig, dass sich alle hier lebenden Menschen respektieren. Auch wenn sie nicht denselben kulturellen Hintergrund haben“, sagt sie.

Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *