Studieren mit Migrationshintergrund? …Unbedingt! | Gastbeitrag von Saliha Ateş


Vom Kick-off Meeting wurde ja schon berichtet. Ein Vortrag, der besonders im Gedächtnis geblieben ist der von Saliha Ateş und Borebardha Krasniqi vom Verein inteGREATer e.V., deren Freiwillige als Vorbilder in die Schulen gehen, mit den Schülern und deren Eltern sprechen und beispielsweise für ein Studium motivieren. Saliha Ateş und Borebardha Krasniqi haben sich die Mühe gemacht, extra für den Vortrag eine Umfrage unter ihren Freiwilligen zu starten. So berichteten sehr authentisch von den Erfahrungen und Wünschen von Studierenden mit Migrationshintergrund. Den Bericht von ihrer Website dürfen wir freundlicherweise auch hier veröffentlichen!

„Das Programm Studium+M richtet sich auf Studierende mit Migrationshintergrund. Mit dem Programm möchte das Deutsche Studentenwerk eine Willkommens- und Anerkennungskultur an deutschen Hochschulen etablieren. Studierende mit Migrationshintergrund, vor allem aus bildungsfernen Elternhäusern, sollen für ein Studium mobilisiert und zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden. Fünf ausgewählte Studentenwerke (Darmstadt, Marburg, Bonn, Köln und Thüringen), die die nächsten drei Jahre das Programm Studium+ M begleiten werden,  trafen sich Ende März zu einem Kickoff-Treffen in Berlin, in dem sie ihre Projekte und Projektziele vorgestellt haben.

Wir als InteGREATer e.V. waren mit einem Vortrag zum Thema „Studieren mit Migrationshintergrund“  bei dem Meeting der Studentenwerke zu Gast und haben die Stimme unserer Freiwilligen in die Planungen eingebracht. Grundlage des Vortrags war die Umfrage, die unter InteGREATer_innen intern zum Thema „Studieren und Migrationshintergrund“ durchgeführt wurde. In dieser Umfrage haben wir unsere Freiwilligen befragt, wie sie ihren Unialltag erleben, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind und welche Wege sie zur Überwältigung ihrer studentischen Angelegenheiten gehen. Statt Fakten wollten wir vielmehr vom „Bauchgefühl“ erfahren, wie es sich anfühlt, Student_in mit Migrationshintergrund zu sein.

Student_innen mit Migrationshintergrund müssen sich „irgendwie“ immer beweisen

Die InteGREATer_innen haben betont, dass sie von außen so wahrgenommen werden wollen, wie sie sich selbst definieren, anstatt dass ihr „Migrationshintergrund“ überbetont wird. Eine Art „Normalität“ wird gefordert, die ihnen oft entzogen wird, auch wenn sie schon in der dritten Generation in Deutschland leben und faktisch nicht mehr in die Gruppe der Migrant_innen gehören. Zudem weisen sie darauf hin, dass man sich als Student_in mit Migrationshintergrund „irgendwie“ immer beweisen muss. Sie sehen ihren „Migrationshintergrund“ mit all ihren Facetten wie Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz, Flexibilität etc. als eine Bereicherung für sich selbst und für die Gesellschaft. Sie sehen sich als Chance und möchten sich aktiv in allen Bereichen der Gesellschaft einbringen und diese mitgestalten.

In Bezug auf das Studium und Studienalltag sprechen sie einerseits Aspekte wie fehlende Erfahrung und Wissen, mangelnde ideelle sowie finanzielle Unterstützung von Seiten der Elternhäuser an. Da die meisten der Studierenden mit Migrationshintergrund aus nicht-akademischen Elternhäusern stammen, stellen sie eine neue Studentenschaft dar, die andere Hilfe- uns Beratungsbedürfnisse als der/die Durchschnittsstudent_in aufweist. Daher sehen sie Beratungsangebote positiv, die speziell auf die Situation der Studierenden mit Migrationshintergrund zugeschnitten sind.

Nur wenn auf allen Ebenen der Hochschule eine Öffnung stattfindet, kann sich  eine Willkommens- und Anerkennungskultur etablieren

Weiterhin weisen sie in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der frühzeitigen Kontaktaufnahme der Studentenwerke und Hochschulen mit den angehenden Studierenden und ihren Familien hin. Andererseits betonen sie, dass die Strukturen an den Hochschulen neu gestaltet bzw. weiterentwickelt werden müssen. In diesem Zusammenhang fordern sie eine gelebte Vielfalt an Hochschulen. Nicht nur die Studentenschaft soll „bunter“ werden, sondern auch auf der Ebene der Verwaltung und Wissenschaft bedarf es Menschen, die die „bunte“ Studentenschaft auffangen und begleiten kann.  Nur wenn auf allen Ebenen der Hochschule eine Öffnung stattfindet, kann sich  eine Willkommens- und Anerkennungskultur etablieren.

Angebote und Trainings, die interkulturelle Kompetenzen fördern, gewinnen hierzu insbesondere an Bedeutung. Ob Studierende mit oder ohne Migrationshintergrund, Verwaltungskräfte oder Lehrende… Für alle Beteiligten der Hochschulen sollen mehr Angebote und Trainings zur Weiterentwicklung interkultureller Kompetenzen und interkultureller Sensibilisierung zugänglich gemacht werden.

Diskriminierungen sind oft subtil, kommen in Form von Bemerkungen oder Verhaltensweise nebenbei vor

Ein weiteres wichtiges Thema im Studienalltag stellen diskriminierende Erfahrungen dar. Viele berichten von Erfahrungen, die zwar nicht direkt diskriminierend bezeichnet werden können, jedoch von ihnen als sehr diskriminierend wahrgenommen werden. Oft sind diese subtil, kommen in Form von Bemerkungen oder Verhaltensweise nebenbei vor. Es sind Bemerkungen, die „ein mulmiges Gefühl in einem bereiten, aber wiederum zum Zweifel führen, ob man es doch zu unnötig zu persönlich genommen hat“.  Es sind Verhaltensweisen, die zur Verwirrungen führen, so dass „man an seiner eigenen Leistung zweifelt und sich fragt, ob die Note für die erbrachte Leistung eine verdiente Note  oder doch eine Mitleidsnote für das Migrantenkind“ ist. Auch heute sind Studierende mit Migrationshintergrund mit einer überraschten Art konfrontiert, wie gut sie doch deutsch sprechen können.

Ihnen ist bewusst, dass immer noch viele Berührungsängste auf vielen Ebenen vorherrschen und sie für das System „Hochschule“ ein neues Phänomen darstellen. Was ihnen aber auch noch bewusst ist, dass sie als junge Menschen eine neue Lebenswelt erschaffen, die –gespeist aus positiven Seiten beider bzw. vieler Kulturen- für sich und für die Gesellschaft eine Bereicherung darstellt. In diesem Zusammenhang stellen sie die Forderung, dass diese Bereicherung wahr- bzw. angenommen werden soll, ohne dabei die einzelnen Personen in Frage zu stellen. Die Hilfestellung und Beratungsangebote sollen so konzipiert sein, dass die Einzelnen auf ihre Bedürfnisse hin individuell begleitet werden, ohne sie wegen ihres Migrationshintergrundes stigmatisiert werden.

Die bisher „Unsichtbaren“ in der Gesellschaft machen sich sichtbar. Sie müssen aber auch sichtbar gemacht werden, nicht weil sie einen Migrationshintergrund haben, sondern weil sie gut für Deutschland sind.“

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von inteGREATer e.V.: Studium+M: Studieren mit Migrationshintegrund? Unbedingt!

Kick-off – es geht los!

4 Fragen an InteGREATer e.V.


Über Bettina Kracht | Deutsches Studentenwerk

Ich arbeite seit 2010 im Referat Presse des Deutschen Studentenwerks und begleite das Programm Studium+M als Redakteurin des Blogs. Ich hoffe, mit dem Blog viel Wissen, Material und Experteninterviews zum Thema „Studieren mit Migrationshintergrund“ sammeln zu können, um mit diesem Erfahrungsschatz weitere Studentenwerke bei der Umsetzung ähnlicher Projekte zu unterstützen.

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