„Wir müssen Partei ergreifen für diese jungen Menschen“ – Ein Gespräch mit Suat Yılmaz


Porträt von Suat Yilmaz

Der Sozialwissenschaftler Suat Yilmaz ist der erste Talentscout einer deutschen Hochschule. Er hat in den vergangenen Jahren über 500 Schüler/innen hinsichtlich eines Studiums beraten | (c) WFH

Der Talentscout Suat Yılmaz betreibt schon seit einigen Jahren in der Praxis, was wir bisher in der Theorie gefordert haben: Mehr Chancengleichheit – vor allem für Jugendliche aus Nichtakademiker- und Migrantenfamilien. Der Talentscout der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen geht an die Schulen im Ruhrgebiet und sucht und fördert junge Menschen, deren Noten vielleicht nicht die besten sind, aber trotzdem für ein Studium in Frage kommen. Am Telefon konnten wir ihn nach seinen Erfahrungen befragen, die wir in unsere Projektarbeit einfließen lassen möchten.

Deutsches Studentenwerk (DSW): Lieber Herr Yılmaz, als ich Sie angeschrieben habe, haben Sie mir an einem Sonntagnachmittag geantwortet. Wie viel arbeiten Sie denn so?

Suat Yılmaz: Ja – montags bis freitags (lacht). Nein, also … Ich weiß nicht, ob man sonntags auch Mails beantworten muss, ich tue es aber. Wir haben wirklich eine unglaubliche Aufmerksamkeit in der letzten Zeit, schon seit zwei Jahren ungefähr. Die Bandbreite ist gewaltig. Vom 16-Jährigen, der irgendwie Probleme in der Schule hat, über Eltern, Lehrer bis hin auch zu Politik und Wirtschaft, die auch schreiben… – Wir sind froh und glücklich, aber es ist auch anstrengend.

DSW: Habe ich das jetzt richtig verstanden – sind Sie wirklich der einzige Talentscout in Deutschland bisher?

Yılmaz: Ganz am Anfang hatte die ZEIT das als erste Zeitung sozusagen „festgestellt“, denn tatsächlich ist es so, dass ich bisher der einzige Beamte bin, der das hauptamtlich macht. Ich sitze auf keiner Projektstelle, sondern bin Hochschulbeamter, der genau diese Aufgabe wahrnimmt. Und ich glaube, das ist einzigartig bisher in Deutschland.

DSW: Aber Sie haben schon noch ein Team, was mit Ihnen zusammenarbeitet.

Yılmaz: Wir haben das Ganze ausgebaut. Mit der Unterstützung der Stiftung Mercator konnten wir einen weiteren Scout „einstellen“. Und natürlich haben wir Kollegen, die weitere Themenfelder, die zur Talentförderung gehören, bedienen. Ich bin nicht allein unterwegs. Man sieht mich immer vorne stehen, aber das ist eine ganze Band. Wir haben alles da: Schlagzeuger… Also nein, wir haben beispielsweise die Kollegin, die im Team für das Stipendienwesen zuständig ist: die Frau Hüllen, sie macht die Stipendienberatung wie eine Art Profiling: individuell und wirklich vom ersten Moment an bis zur Vorbereitung auf das Gespräch. Oder die Kollegin, die den Bereich der Schreibkompetenz bedient, sie ist auch wichtig.

DSW: Sie haben schon lange Erfahrung auf dem Gebiet der Talentförderung. Für uns ist das mehr oder weniger Neuland. Mit unserem Projekt „Studium+M“ haben wir den Fokus auf Studierende mit Migrationshintergrund gesetzt, weil wir aus Erfahrung und unserer dreijährigen Sozialerhebung unter Studierenden immer wieder feststellen, dass diese Gruppe es schwierig hat. Und da wäre eine Sache, die Sie bestimmt gut beurteilen können: Was sind so die Knackpunkte für Schüler mit Migrationshintergrund beim Übergang von Schule ins Studium?

Yılmaz: Sie haben recht, es gibt eine Schieflage insbesondere bei den jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Aber wenn ich einfach mal zurückfragen darf: Was ist denn so anders beim Übergang von der Schule in die Hochschule bei denen mit Migrationshintergrund? Lassen wir mal die Zahlen beiseite. Was könnte denn ein junger Mensch wie ich, anders als Frage stellen als jemand, der aus einer Hartz-IV-Familie aus Castrop-Rauxel kommt? – Ich sehe da nichts. Das Thema Migrationshintergrund ist eher ein System-problematisches Thema. Das heißt also, wir sollten uns nicht die jungen Menschen anschauen und sie wegkategorisieren in Migranten und Nichtmigranten. Also warum kulturalisieren wir da so stark? Ist denn die Kultur ausschlaggebend für den Misserfolg? Oder die sozialen Umstände?

„Wir sollten uns nicht die jungen Menschen anschauen und sie wegkategorisieren in Migranten und Nichtmigranten. Also warum kulturalisieren wir da so stark?“

DSW: Sie würden, wie Sie es auch in der Praxis betreiben, hier keinen Unterschied machen, sondern eher das Problem suchen in bildungsnah und bildungsfern?

Ich glaube, es geht ein Stück weit um das kulturelle Kapital, was diesen jungen Menschen fehlt, die Netzwerke, die diese jungen Menschen nicht haben, das Verständnis der Eltern … Und jetzt einfach mal versetzt in die Lage eines 16-Jährigen, der aus einem Arbeiter- oder aus einem Arbeitslosenmilieu kommt, wo die Eltern überhaupt nicht arbeiten. Und auch die Großeltern nicht. Und die Nachbarschaft nicht. Die Freunde und so. – Wie soll denn da ein junger Mensch die Phantasie entwickeln, dass es diesen Weg gibt, dass es BAföG gibt. Andersherum: Junge Menschen aus Hartz-IV-Familien scheuen sich, das habe ich mehrfach erlebt, BAföG zu beantragen, weil sie Angst vor Verschuldung und ähnlichen Dingen haben. Das ist das, was ich in meiner Beratung erlebe. Und da macht es keinen Unterschied, ob die Werner Müller oder Marcel Müller heißen oder Suat Yilmaz heißen.

„Die Hochschulen lehren Diversity, sind es aber nicht. Das ist die Realität.“

Aber wo Migrationshintergrund eine Rolle spielt ist der Übergang in den Arbeitsmakt, und darüber sollten wir mal sprechen – schauen Sie sich die dualen Studiengänge an. Wir haben an der Westfälischen Hochschule bei uns 9.000 Studenten ungefähr. Davon haben knapp über 40 Prozent einen Migrationshintergrund. Bei den dualen Studiengängen, die wir anbieten: unter fünf Prozent. Das ist die Problemlage. Wir haben Unternehmen, die diese jungen Menschen nicht einstellen. Schauen Sie sich doch mal die Hochschulverwaltungen an! Machen Sie doch da mal eine Erhebung, wie interkulturell offen die wirklich sind. Sie sind es nicht. Die lehren Diversity, sind es aber nicht. Das ist die Realität. Ich will damit nur eines sagen: Wir reproduzieren auch Bildungsungerechtigkeit, weil wir uns selber nicht hinterfragen. Und was machen wir? – Wir holen wieder eine Studie raus und schauen uns die jungen Menschen an. Nur, die Pisa-Studie sagt ja nicht nur, dass wir ein Problem mit unseren Schülern angeblich haben, sondern mit unseren Lehrern! Aber so wollen wir das nie betrachten. Und das ist das, was mich ärgert. das ärgert mich, weil wir das Thema ständig kulturalisieren.

DSW: Sie meinen, es liegt auch daran, auf wen die Schüler/innen und Studierenden treffen?

Yılmaz: Ich will „die Kultur“ da nicht ausschließen, aber ich würde es nicht überbewerten wollen. Natürlich gibt es kulturbedingte Schieflagen, was den Übergang angeht, gar keine Frage. Die Frage ist doch, ist die Menge so hoch, dass es giftig ist? – Aus meiner Arbeitspraxis heraus sage ich: Nein. Aber wir konstruieren Probleme, weil wir keinen Blick für die Lebenskontexte haben, weil wir nicht in der Lage sind, Leistungen im Lebenskontext zu sehen, weil wir diese jungen Menschen immer neutral bewerten wollen. Dabei können wir gar nicht neutral bewerten, wir müssen Partei ergreifen für diese jungen Menschen als System, wir tun es aber nicht.

„Wir konstruieren Probleme, weil wir keinen Blick für die Lebenskontexte

haben, weil wir nicht in der Lage sind, Leistungen im Lebenskontext zu sehen, weil

wir diese jungen Menschen immer neutral bewerten wollen.“

Ja, ich grüble seit Jahren darüber nach, was denn dieser kultureller Faktor ist, der diesen Übergang so schwer macht. Die Eltern, die das nicht wollen? – Das stimmt nicht. Eltern, speziell türkische Eltern, ich will nicht für alle sprechen, aber die haben eine unglaubliche Bildungsaffinität. Die wissen aber nicht, wie das geht. Ich habe noch nie – noch nie! – erlebt, dass eine türkische Mutter oder ein türkischer Vater zu mir gesagt hätte, wir wollen nicht, dass unser Kind eine Ausbildung macht oder studiert. Das erlebe ich eher in der Mittelschicht ohne Migrationshintergrund, wo der Papa sagt: Du machst eine Ausbildung bei der LBS, habe ich auch gemacht, und ist gut gelaufen. Studium kennen wir nicht.

DSW: Das schlägt sich bei uns auch in den Zahlen nieder, also dass grade Studierende oder Schüler mit Migrationshintergrund mit niedrigem Bildungshintergrund sehr ehrgeizig sind. Und diese Menschen möchten wir gerne stärker fördern. Und da wäre halt die Frage, wo müssen wir ansetzen.

Yılmaz: Ja, ich sage Ihnen ganz ehrlich – ich finde das toll, dass Sie das machen, aber wenn ich ehrlich bin, müssten wir schon bei den Übergängen von der Grundschule in die Gymnasien und in die Gesamtschulen ansetzen. Es gibt diese eingeschränkte Gymnasialempfehlung. Damit fängt das Drama ja an. Was sind denn das für Leute, die diese Eingeschränkte bekommen? Oder die gar keine Gymnasialempfehlung bekommen. Ganz zufällig sind das immer oder sehr oft junge Menschen mit Migrationshintergrund und junge Menschen aus Arbeiterfamilien. Wir überlegen deshalb ernsthaft, das Thema auf die Agenda zu setzen und zu sagen, warum gibt es eigentlich keine Talentscouts ausgehend von den Gymnasien, die dann runter in die Grundschulen gehen. Wissen Sie, was ein Talentscout macht? – Lange genau hinschauen. Das ist die Aufgabe. Und der begleitet diese jungen Menschen über Jahre und schaut genau hin, was hinter den Noten noch für eine Geschichte steht. Und ob man diese Geschichte nicht ein Stück weit verändern kann, damit sich die Note verbessert. So, und warum gibt es die nicht in den Grundschulen? Warum nicht? Da werden doch die Weichen gestellt. Wir wissen doch, dass Eltern, die selber einen Hauptschulabschluss haben, dass deren Kinder viel seltener – bei gleicher Leistung – vorgeschlagen werden Richtung Gymnasium. Und es entscheidet…

„Ein Talentscout begleitet diese jungen Menschen über Jahre und schaut genau hin, was hinter den Noten noch für eine Geschichte steht. Und ob man diese Geschichte nicht ein Stück weit verändern kann, damit sich die Note verbessert.“

DSW: … der Lehrer.

Yılmaz: …Und wer behauptet, dass Lehrer neutral entscheiden könnten, der lebt wirklich meilenweit von der Realität entfernt. Die versuchen es, es ist kein Vorwurf an meine Kollegen. Ich beschreibe nur eine Situation. Das ist auch ein Stück weit unfair, wenn man jetzt die Schuld bei den Lehrern sucht. Ich glaube, die Fehler sind wirklich im System, das der Realität dieses Landes nicht mehr gerecht wird. Das ist das Problem. – Und dass Sie jetzt auch bei den Schulen ansetzen wollen, finde ich gut.

DSW: Genau. Um es kurz zu machen: Es gibt fünf unterschiedliche Konzepte, manche setzen bei Informationsveranstaltungen in den Schulen an, andere setzen den Fokus auf Kooperation mit verschiedenen Vereinen wie beispielsweise „InteGREATer“ und „Arbeiterkind.de“ und der Agentur für Arbeit vor Ort. Die meisten aber wollen ansetzen bei der Information von Schüler/innen und Eltern.

Yılmaz: Finde ich gut. Ich finde das generell toll, dass Sie da was machen. Und dass Sie es Richtung Schule verlagern, halte ich für sehr, sehr wichtig. Denn das Gestalten von Zukunft, das Intervenieren in Biografien, ob man das jetzt so tief macht wie wir oder anders macht oder wie Sie, weiß ich nicht; aber das Intervenieren muss frühzeitig geschehen.

„Wir wollen informieren, wir wollen emotionalisieren und wir wollen

begleiten. Das sind die drei Punkte, die für uns wichtig sind. Und wer informiert,

sollte auch sehr stark emotionalisieren.“

Zeit ist einer der wichtigsten Faktoren beim Machen von Talenten. Und von daher ist es sehr sinnvoll, das in den Schulen zu machen. Informationsveranstaltungen finde ich wichtig. Wir wollen informieren, wir wollen emotionalisieren und wir wollen begleiten. Das sind die drei Punkte, die für uns wichtig sind. Und wer informiert, sollte auch sehr stark emotionalisieren.

DSW: Also Sie meinen, es reicht nicht, einfach nur einen Flyer in die Schule zu werfen, sondern da muss eine Person dahinter stehen?

Yılmaz: Ja, wissen Sie, wenn Sie einen Flyer in die Schulen werfen wollen, dann schicken Sie doch einen Verteilungsroboter hin. Ich meine das ernst. Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die offen für Emotionen sind. Nicht nur offen, sie wollen und sie brauchen Emotionen. Und wir können weiter so tun als wären wir die Schiedsrichter der Nation und wir pfeifen „Gelbe Karte, Rote Karte, hier hast du eine Information, du bist ins Abseits gelaufen.“ Oder wir fangen an, Trainer zu werden. Echte Trainer. Mit Leidenschaft. Indem wir sie anfeuern. Indem wir sagen, „Ja, Mathe macht mir auch keinen Spaß, aber mach‘ das. Das ist wichtig.“ Und „BAföG, hör mal, das muss du frühzeitig machen. Informier dich.“ usw. Und ich kann nur sagen, Flyer sind wichtig, aber derjenige, der diese Flyer verteilt, sollten auch was dazu sagen können, und wenn möglich sollte es so sein, dass die jungen Menschen es verstehen. Und wir trauen uns nicht, das Thema emotional anzugehen. Wir trauen uns das nicht. Weil man ja sagen könnte, wie ist denn das wissenschaftlich zu begründen?

„Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die offen für Emotionen sind. Nicht nur offen, sie wollen und sie brauchen Emotionen.“

DSW: Ein Studentenwerk von den fünf hat den Fokus auf Social Media gelegt –, Meinen Sie dass das dann in die richtige Richtung geht?

Yılmaz: Finde ich richtig, machen wir auch. Ehrlich gesagt, weil es der d Kommunikationspfad der jungen Menschen ist. Mittlerweile gehen auch Mails zurück, also Mails sind schon fast out … Briefe sind schon historisch. Und alles geht viel schneller über Social Media. Ich arbeite ja schon seit Jahren mit Facebook und WhatsApp bei meinen Leuten, und da kann ich schnell organisieren. Ich sage dazu mal Guerilla-Kommunikation. Das geht dann ziemlich schnell, wenn ich über Facebook eine Info rausgebe: „Wir haben morgen eine Info-Veranstaltung, wer Bock hat, kommt mit“. Dann wird das rausgehauen, und das geht viel schneller als über Flyer oder sonst was. Also wir versuchen unterschiedliche Kommunikationspfade zu nutzen. Social Media ist extrem wichtig. Wir machen da sehr, sehr gute Erfahrungen damit.

DSW: Ein anderes Studentenwerk in Thüringen hat den Fokus vorwiegend auf die interkulturelle Sensibilisierung der eigenen Mitarbeiter gelegt.

Yılmaz: Also ich kann Ihnen eines sagen. Das Ganze hat viel mit Identifikation zu tun. Also ich glaube, es macht eine Hochschule natürlich sympathischer für junge Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie sehen: Da laufen auch in der Verwaltung welche rum, die sehen aus wie ich. Das ist absolut menschlich. Und natürlich führt das dazu, dass die Kids sich freuen und dann vielleicht eher mit ihren Fragen kommen. Aber die anderen kommen übrigens auch. Und der Punkt ist, dieser Identifikationsfaktor ist wichtig.

„Es macht eine Hochschule natürlich sympathischer für junge Menschen

mit Migrationshintergrund, wenn sie sehen: Da laufen auch in der

Verwaltung welche rum, die sehen aus wie ich.“

Man muss gezielt Systeme umstrukturieren, damit die Zielgruppe, welche das auch immer ist – in dem Fall sind es junge Menschen mit Migrationshintergrund, irgendwo ist es vielleicht die alleinerziehende Mutter – man Identifikationsbereiche schaffen muss. Sonst fühlt man sich automatisch nicht wohl. Und deswegen rate ich immer dazu, nicht nur die Leute zu schulen, das finde ich wichtig, auch mal andere Leute einstellen. Wie wäre es mal damit? Warum laufen die einen immer als Scouts vor und die Kavallerie hinterher? Warum darf denn die Kavallerie mal nicht anders aussehen? Mal ganz frech gesagt: Was ist das für ein koloniales Denken?

DSW: Gibt es nicht doch einen Unterschied? Uns geht ja für ein Studium zu motivieren und dass viele Studierende mit Migrationshintergrund das Studium erfolgreich beenden. Doch leider brechen viele ihr Studium ab. Deshalb noch mal die Frage: Gibt es da nicht doch Unterschiede; muss man sie nicht gezielt ansprechen oder ist das nicht mehr so? Uns ist schon bewusst, dass diese Studierenden nicht gerne mit „Migrationshintergrund“ angesprochen werden wollen, und wir suchen noch den richtigen Weg, wie wir diese Zielgruppe ansprechen können, ohne dass sie sich diskriminiert fühlen. – Geht das überhaupt?

Yılmaz: Diversity ist unsere Chance. Und zwar ernstgemeinte Diversity. Und nicht diese politische Diversity. Sondern ernst gemeinte Diversity, die alle Strukturen eines Hochschulsystems durchdringen muss. Diversity ist kein Thema für Minderheiten. Diversity ist kein Thema für Frauen. Diversity ist ein Thema für uns alle. So, und das müssen wir einfach kapieren. Dass wir unseren Fortschritt damit erreichen werden. Dass wir Stabilität in diesem Land damit erreichen werden. Das ist eine Haltung. Und diese Haltung sehe ich leider nicht. Ich sehe nur Kulturalisierung. Und wie wir diese jungen Menschen ansprechen … Wissen Sie, deswegen sagen wir Talent. Wir meinen ja mit Talent nicht irgendwie Hochbegabte, sondern wir wollen das entkulturalisiert betrachten und sagen: Wir wollen eine einzige Währung haben – Talent! Mich interessiert das Geschlecht nicht, die Herkunft nicht, und das Geld der Eltern nicht und was weiß ich alles nicht.

„Diversity ist unsere Chance. Und zwar ernstgemeinte Diversity. Und nicht diese politische Diversity. Sondern ernst gemeinte Diversity, die alle Strukturen eines Hochschulsystems durchdringen muss. Diversity ist kein Thema für Minderheiten. Diversity ist kein Thema für Frauen. Diversity ist ein Thema für uns alle.“

Gleichwohl – ganz wichtig – weiß ich, dass es Schieflagen gibt. Aber wir sagen, das ist die Talentförderung, da kommen alle rein. Da fühlen sich alle angesprochen. Wenn man da reinkommt und sagt: Hey, wir machen Talentförderung und wir würden gern mit dir arbeiten. Dann sagt doch jeder: „Ja. Cool!“ Wenn ich sage: „Wir machen ein tolles Projekt nur für Migranten, das ist richtig gut!“ – dann sagen die: „Nee, keinen Bock drauf.“ Die haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Die sind Deutsche.

DSW: Andersrum: Wir haben bereits Prof.Yasemin Karakaşoğlu befragt, die war auch bei uns in der Auswahlkommission für die Anträge der Studentenwerke. Sie meinte, wir sollten nicht migrationsfixiert, sondern migrationssensibel vorgehen.

Yılmaz: Richtig. Genauso ist es. Man muss sensibilisiert sein. Ich muss sensibel gegenüber meinem Mitarbeiter sein, der vielleicht aus Afrika kommt. Da muss ich nicht daraus wieder ein Mega-Programm machen. Ich will, dass er ein guter Mitarbeiter wird; nicht, dass er ein Sondermitarbeiter wird. Und das ist diese Sensibilität. Aber: Wir kategorisieren auch oft aus dieser Sensibilität: Und wir kategorisieren Menschen weg. Und das ist das, was mich ärgert. – Sensibilität, natürlich. Deswegen sage ich ja, wir sind sensibel gegenüber jungen Menschen mit Migrationshintergrund, weil wir ganz genau wissen, dass es hier und da herkunfts- oder sprachlich bedingte Probleme gibt.

DSW: Also wäre es unsere Chance, dass wir in diesem Programm uns die Studierenden mit Migrationshintergrund nicht zuerst auf die Fahnen schreiben, diese schon als Zielgruppe haben, aber sie nicht direkt so ansprechen, sondern in der Hoffnung, wir erreichen dann sowohl Schüler, Studierende mit Migrationshintergrund als auch ohne, die Schwierigkeiten haben?

Yılmaz: Ja. Also ich würde es generell einfach als eine Baustelle sehen, ein Stück weit Übergänge für Leute zu vereinfachen, die per se oder aufgrund ihrer Herkunft Probleme haben, diesen Übergang zu bewältigen. Und das sind Migranten, das sind Arbeiterkinder und alleinerziehende Mütter, die sich das nicht trauen – ich könnte Ihnen zig Gruppen nennen. Und man kann natürlich sagen, wir haben den Fokus auf die Sensibilisierung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Und wir sollten darüber sprechen, was wir meinen. Migrationshintergrund ist ja für bestimmte Ausländergruppen kreiert worden, wenn Sie mich fragen. Damit meint man nicht den Amerikaner.

DSW: Richtig, meistens sind Menschen mit arabischem oder türkischem Hintergrund gemeint. Ich habe bei der Recherche gelesen, dass es ja auch noch ganz andere Studierende mit Migrationshintergrund gibt, die große Probleme haben, was ich aber in den Medien noch nie wahrgenommen habe, nämlich Menschen mit italienischen Wurzeln. Können Sie dazu was sagen?

Yılmaz: Ja. Exakt. Die Italiener, das denkt man gar nicht; die schneiden sogar schlechter ab als die schlechtesten … Die schlechtesten sind, glaube ich, die türkisch-, arabischstämmigen. Das ist so. Also das ist ein Phänomen. Also es ist genauso ein Phänomen, dass die Vietnamesen extrem erfolgreich sind, obwohl diese Gruppe vom kulturellen Kapital so ähnlich gestrickt sind, aber die sind einfach viel erfolgreicher, oder die persischstämmigen.

DSW: Und woran, meinen Sie, liegt das?

Yılmaz: Also ich glaube, da sollten man die Wissenschaftler fragen. Ich bin ja eher auf dem Papier ein bisschen Wissenschaftler, aber ich habe dahingehend keine eigene Forschung gemacht.

DSW: Aber fällt es Ihnen nicht im Alltag auf? Einfach aus Ihrer Praxiserfahrung …

Yılmaz: Wissen Sie, nehmen wir beispielsweise die persischstämmigen, da fällt mir immer wieder auf, die sind öfter auf den Gymnasien, die sind meistens ziemlich gut, sprechen perfekt Deutsch, fallen kaum auf. – Ja, natürlich, wenn man da genau hinschaut, dann sieht man auf den ersten Blick einen persischen Jungen, dessen Eltern aus dem Iran geflohen sind. Aber wenn man noch weiter zoomt weiß man, der Vater war Akademiker. Oder die Mutter. Auch wenn die die Sprache nicht beherrschen, die haben eine Haltung gegenüber dem Bildungssystem. Sie informieren sich viel schneller.

Dann schauen Sie sich eine türkische Gastarbeiterfamilie über mehrere Generationen an, wo der Opa unter Tage gearbeitet hat, der Vater unter Tage gearbeitet hat – ja da sagen die … Ja, schön, mach Abitur. Aber was ist das noch mal? Also nehmen Sie als Beispiel meinen Vater. Auf einem Bauernhof geboren, Gastarbeiter, Ford-Werke, später in Oberhausen. Ja was glauben Sie denn, wo sein Netzwerk hinreichte? Sein Netzwerk reichte bis zum Obst- und Gemüsehändler und vielleicht zu seinem Vorarbeiter. Und als ich abgeschult wurde von einem Gymnasium auf eine Hauptschule, wusste der gar nicht, dass dazwischen eine Gesamtschule und eine Realschule ist. Der wusste nur, Bildung ist wichtig. Und da hat ein deutscher Lehrer gesagt, ein Beamter: Der Junge muss auf eine Hauptschule. Da war die Diskussion zu Ende.

„Das Bildungssystem ist keine Einbahnstraße. Aber

wenn sie das abstrakte System nicht verstehen, dann sind Sie raus.“

Ein anderer, ein persischer Vater, der hätte vielleicht ein bisschen aufgrund auch seiner Biografie, weil er jetzt ja studiert hat, auch wenn er die Sprache nicht gekonnt hätte, der hätte irgendwie anders darauf reagiert. Er hätte vielleicht gesagt: Das Bildungssystem hat doch bestimmt noch andere Möglichkeiten. Ist keine Einbahnstraße. Aber wenn sie das abstrakte System nicht verstehen, dann sind Sie raus. Und gewisse soziale Milieus oder gewisse Menschen aus bestimmten Milieus, wenn Sie die türkischstämmigen nehmen, zu 80 Prozent sind das Arbeiter.

Die haben eine ganz andere Familienhistorie, ein ganz anderes kulturelles Kapital. Bei den Italienern ist das genauso. Das italienische Familienmilieu ist sehr bildungsfern. Das sind nun mal Familien, die dann eher sagen: Weißt du was, Salvatore, du gehst lieber im Eiscafé arbeiten. Das hört sich nach Klischee an, aber das kann ich bestätigen. Ich habe eine italienische Familie, die aus Gelsenkirchen ist, aber die jetzt auch teilweise in Bochum leben, da hat kein einziger einen Realschulabschluss gemacht. Alle Hauptschulabschluss. Kluge Jungs. Aber die haben die ganze Zeit im Eiscafé gearbeitet.

DSW: Sie meinen also, besonders aus Ihrer Erfahrung, dass die Familien zwar bildungsfern sind, aber nicht wie oft vorgeworfen, sie wären bildungsunwillig.

Yılmaz: Nein, im Gegenteil. Ich habe im Essener Norden eine Schule: sozial schwacher Raum, wo auch sehr viele Familien mit Hatz-IV Bezügen zusammen kommen, ohne Migrationshintergrund. Auch diese Eltern, wenn die mitkriegen, dass das Kind Abitur macht, dann wollen die das Beste. Zumeist prestigeträchtige Berufe. Die wollen aufsteigen, die wollen, dass ihre Kinder aufsteigen. Und die sind da sehr sensibel. Also vor allem Migrantenfamilien, nicht nur die türkischen, die meisten – es gibt natürlich Ausnahmen – aber die meisten. Nein, jeder türkische Vater, jede türkische Mutter oder auch arabische Mutter weiß eigentlich, dass man mit Bildung aufsteigen kann. Ich meine damit nicht diese radikalen Familien. Also es gibt auch Familien, die sich komplett verweigern. Die gibt es natürlich auch. Aber glauben Sie mir, über 90 Prozent, die überwältigende Mehrheit will den Aufstieg.

DSW: Also definitiv nicht die Mehrzahl.

Yılmaz: Nein. In meiner Arbeit – und ich mache das ja also jetzt hier an der Hochschule seit fast vier Jahren, und davor habe ich auch 12, 13 Jahre im Bildungsbereich gearbeitet. Und ich kann das nicht bestätigen. Ich kann genau das Gegenteil bestätigen. Ich kann bestätigen, dass die Underdogs sozusagen, die Unterschichten, egal, ob sie jetzt türkisch sind oder deutsch, die wollen aufsteigen. Wenn man ihnen das erklärt. Wenn Sie ein Kind haben, dann kommt jemand an und sagt, Ihr Kind hat was im Kopf, und es könnte sogar Abitur machen und sogar studieren, dann würden die, egal wie sie denken, sagen: Ich will das.

DSW: Zwei Fragen. Warum, meinen Sie, ist das bei deutschstämmigen anders?

Yılmaz: Dass die sagen: Ich habe eine Ausbildung gemacht, das reicht für dich auch? Das ist gar nicht deutschstämmig, das ist eher die Mittelschicht. Warum? – Weil es denen auch ohne Studium gutgegangen ist, und geht. Also ich habe hier einige Elterngespräche geführt, komischerweise, das ist wirklich wahr, das waren keine Migranten – bei den Migranten erlebt man das zwar auch in der Mittelschicht, aber in dem Fall waren es wirklich Familien ohne Migrationshintergrund –, die haben eine Lehre gemacht, leben in ordentlichen Verhältnissen, denen geht es auch finanziell nicht schlecht. Also da ist bei Bildungsinvestition manchmal so ein Fragezeichen dahinter. Oder die trauen das dem Kind nicht zu. Das ist ja oft bei Familien mit sogenannten Helicopter-Parents, die sagen, „Ja Mädchen, mach erst mal eine Ausbildung und dann schauen wir weiter.“ Das ist einfach eher so ein Sicherheitsdenken und ein Unterschätzen ihres Kindes. Und Angst davor, dass das Kind scheitert.

DSW: Dass es absteigen könnte.

Yılmaz: Genau. Weil, die haben gekämpft, sind dann in der Mittelschicht irgendwann angekommen und gehen einfach eine Nummer sicher. Aber auch da, das sind jetzt nicht hunderte Familien die wir in der Beratung haben, das sind Einzelfälle. Aber wenn, dann kam es immer aus dieser Schicht komischerweise. Also das ist meine Erfahrung.

DSW: Und um nochmal auf die „bildungsunerfahrenen“ Eltern zurück zukommen. Um mehr von ihnen zu erreichen, müssen wir direkt auf sie zugehen und nicht warten, dass sie zu uns kommen?

Yılmaz: Absolut. Also ich – ich weiß, dass es unrealistisch klingt, aber ich bin für ein System, was serviceorientiert denkt, ich bin für ein System, was bürgernah ist. Das meine ich nicht politisch, sondern im wahrsten Sinne des Wortes: bürgernah. Ich bin dafür, dass Hochschulen Bildung in den Quartieren mitgestalten. Wir müssen doch jetzt ein Stück weit als Bildungssystem uns fragen, wie können wir die Talente, die wir bisher nicht erreichen konnten oder die wir bisher zur Entfaltung bringen konnten, wie können wir die zur Entfaltung bringen.

„Ich bin für ein System, was serviceorientiert denkt, ich bin für ein System, was bürgernah ist.“

Solange wir sagen, ja, wir können nix dafür. Also die Profs sagen: die Lehrer. Die Lehrer sagen: die Kindergartenerzieher. Die Kindergartenerzieher sagen: die Eltern. Wirklich so absurd ist das manchmal. Wir müssen weg davon und wir müssen Verantwortung übernehmen und wir müssen in Bildungsketten denken. Sie können den besten Lachs in Alaska fangen – wenn die Kühlkette unterbrochen ist, stinkt der am Ende. So ist das im Bildungssystem. Wir müssen – prozesstechnisch denken.

Deswegen versuchen wir zumindest in unserem Bereich zu sagen: einsteigen, durchsteigen, aufsteigen. Es reicht nicht, die Kids hierhin zu holen. Wir müssen jetzt unsere Hochschule, das wird wahrscheinlich ein Jahrzehnt dauern, optimieren, damit genau diese Kids, von denen wir reden, auch durchsteigen können. Und dann müssen wir auch offen reden darüber, ob diese Kids auch Arbeit finden. Und dann kommt das Thema Migrationshintergrund auf den Tisch. Und dann stellen sie fest, es gibt eine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, die wir bestätigen können. Allein bei der Praktikumssuche. Allein bei dem Pflichtpraktikum, das sie im Studium machen müssen. Wir erleben, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund um ihre Regelstudienzeit zittern müssen, weil sie keine Praktikumsplätze bekommen, weil sie keine Lust haben, im Import/Export-Yilmaz zu arbeiten, vielleicht in einem mittelständischen Unternehmen arbeiten wollen.

Und da kann ich Ihnen eines sagen, das ist; ich habe mindestens einmal in der Woche einen Studenten hier sitzen, der bombastische Noten hat, aber halt eine bestimmt Herkunft hat und keinen Praktikumsplatz kriegt. Dann können wir das Thema Migrationshintergrund nehmen und sagen: So, jetzt lasst uns das mal kulturalisieren.

DSW: Es bräuchte ein Projekt, das nicht nur jetzt beim Übergang Schule–Studium ansetzen, sondern weitergeht bis zum Berufseinstieg?

Yılmaz: Ja. Genau. Die Talentförderung beinhaltet den Übergang Schule–Hochschule, eigentlich auch den Studienerfolg und auch den Übergang von Hochschule in den Job. Und wenn es nach mir gehen würde, wenn ich vom Weihnachtsmann etwas wünschen dürfte, dann würde ich runtergehen in die Sekundarstufe 1, runtergehen in die Grundschulen und sagen, lasst uns überall Talentförderung betreiben. Dieses Thema Emotion muss durchgehend sein. Dieses Thema Coaching muss durchgehend sein. Wir kommen nicht darum herum, über die Haltung zu sprechen. Wir kommen nicht drumherum, Schule und Hochschule nicht nur als Lehranstalten zu sehen, sondern als Talentschmieden zu sehen.

Wir kommen nicht darum herum, über die Haltung zu sprechen. Wir kommen nicht drumherum, Schule und Hochschule nicht nur als Lehranstalten zu sehen, sondern als Talentschmieden zu sehen.

Wir müssen aufhören, über Übergänge zu sprechen. Wir sollten stärker über Übernahmemanagement sprechen, wo zwei Partner gemeinsam einen Übergang „managen“ sozusagen, anstatt nur zu warten: Springt mal rüber. Wer es schafft ist hier und dann schauen wir mal weiter. Und dann müssen wir dafür sorgen, dass sich eine Kultur des Zusammenarbeitens entwickelt. Dass es selbstverständlich ist, dass Mathe-Lehrer hier anrufen und sagen: Sagt mal, wie ist denn eure Mathematik hier, wie soll ich die denn ein Stück weit auch anpassen oder können wir Zusatzkurse bieten und und und.

DSW: Aber Sie bleiben mehr im Kontakt mit den Schülern und weniger jetzt auf Kompetenzzentrums-Ebene, dass Sie das da koordinieren oder?

Yılmaz: Also ich glaube, ich muss beides machen. Also ich werde natürlich ein Stück weit das Scouting ausbauen müssen, ich werde den Kollegen natürlich zur Verfügung stehen, den anderen. Ich muss beides machen. Aber ich möchte immer auch bei den Leuten sein, also bei den jungen Menschen. Da werden es vielleicht nicht fünf Termine in der Woche sein, sondern drei. Weil ich natürlich auch die Struktur mit aufbauen muss.

DSW: Und das alles von Montag bis Freitag.

Yılmaz: Jaaa – immer von 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr. – Nein, nein, also es ist ja nicht so, dass man gezwungen wird, , sondern derzeit mache ich das wirklich sehr gerne; es ist für mich mehr als Arbeit. Ich sage es mal so, ich bin überzeugt davon, ich glaube an die jungen Menschen. Und mich motiviert kein Establishment oder was auch immer, sondern mich motivieren die jungen Menschen.

DSW: Wie wichtig ist es, nicht als Institution zu sprechen sondern, die Zielgruppe zu Wort kommen lassen?

Yılmaz: Also die Menschen sprechen zu lassen, finde ich toll. Ich sage das auch immer in den Schulen, wenn ich mit den Rektoren treffe, dann das erste Gespräch führe, dann sage ich, wissen Sie, Sie sollten das nicht entscheiden, ob wir hierbleiben, und auch nicht wir, sondern die Schüler sollten das entscheiden. Die sollen einfach mit ihren Füßen abstimmen. Und da haben wir bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Und das trauen sich viele nicht. Aber ich finde, das ist der richtige Weg. Ruhig zu sagen, wenn es nicht gut ist, dann optimieren wir es oder lassen es sogar. Und wenn die Schüler sprechen dürfen, wenn die sagen, ich habe das gemacht, das gefällt mir. Oder das gefällt mir nicht. Und von ihren Erfolgen auch erzählen und auch von ihren Misserfolgen erzählen – das ist das Beste, was Sie machen können. Sie werden keine Agentur der Welt finden, die das besser und authentischer rüberbringen können als die Kids selber. Das ist so.

Das ist die Erfahrung, die wir machen. Wir haben Schulen, die z. B. noch nie für ein Stipendium vorgeschlagen haben. Und wenn wir da jemanden unterkriegen, dann ist dieses Mädchen oder dieser Junge der Flyer. Und das wirkt. die Kids wollen auch mal so andere Kids erleben, die vielleicht auch mal hingefallen und aufgestanden sind.

DSW: Dass es da die Angst vor dem Absturz nicht geben muss…

Yılmaz: Absolut. Wir haben sehr viele junge Menschen, das denkt man gar nicht, die haben jetzt schon Existenzängste. Wir haben in den Gymnasien Kids, die ein Stresslevel wie ein Manager haben. Das ist wirklich so. Also ich bin ja auch in den Gymnasien unterwegs. Und wenn ich da die 16-, 17-Jährigen sehe, die arbeiten ja mehr als ich, und ich arbeite nicht wenig, und manchmal habe ich das Gefühl, die arbeiten bisschen länger als ich. Und die Frage ist, ob das alles gut oder richtig ist. Die Frage stelle ich mir die ganze … Die Frage muss sich Politik und Wissenschaft stellen. Ich kann nur eines sagen, ich sage den Kids immer, es ist auch okay, wenn du scheiterst. Musst er halt noch mal versuchen, alles richtig zu machen.

DSW: Es geht um Scheitern lernen.

Yılmaz: Absolut! Scheitern gehört zur Kultur des Erfolges dazu. Das ist so. Also wenn einer das denn sagen darf, dann ich. Also ich bin in meinem Leben so oft gescheitert, also ich wurde komplett runtergereicht im Bildungssystem. Eltern, die kein Deutsch können usw. Und wenn so ein Mensch mit so einem, sagen wir so einem schiefen Rahmen es ein Stück weit geschafft hat, ich will nicht sagen, ich habe es geschafft, aber wenn er zumindest Abitur gemacht hat, studiert hat und jetzt eine anständige Arbeit hat – warum sollen das die anderen nicht schaffen. Und das ist das, was ich wiederum auch den Kids gebe und sage – und auch den Lehrern sage – hört bitte auf, an der Angstschraube zu drehen, dreht an der Hoffnungsschraube. – Ist wirklich so. Die wollen Hoffnung hören und sehen. Die wollen nicht hören, dass alles schlimm wird. Die wollen hören: Es wird schön.

„Hört bitte auf, an der Angstschraube zu drehen, dreht an der Hoffnungsschraube.“

DSW: Wenn ich jetzt auchaus meiner Erfahrung erzählen darf. Ich glaube dass das System macht jungen Menschen schon so viel Angst, dass es gar nicht mehr reicht, wenn die Eltern einem positiv zusprechen.

Yılmaz: Deswegen haben wir so eine tolle Rolle. Ich gehe als Good Guy in die Schulen. Also die Lehrer sind oft die Bad Guys, ich bin der Good Guy. Dann gehe ich da hin, ich komme von der Hochschule, also das finden sie meistens toll, und dann steht auf meiner Visitenkarte: Talentförderer. Und dann sage ich als Talentförderer: Mach dir Hoffnung für die Zukunft. Du wirst es schaffen. – Glauben Sie, das wirkt nicht? Das wirkt.

DSW: Wenn es dann von außen kommt, zählt es mehr, als wenn es die eigenen Eltern tun?

Yılmaz: Eltern können Sie in dem Fall fast vergessen. Eltern haben einfach eine andere Rolle.

Also wissen Sie, warum ich das auch bewusst so mache? Als mein Rektor damals auf der Hauptschule gesagt hat, du wirst keine Lehre zum Elektriker machen, du schaffst es, ein Abitur zu machen, und ich traue dir sogar zu, dass du studierst – das hat er mir genau so gesagt –, in dem Moment, ich vergesse den Tag bis heute nicht, ich kann mich an das Wetter erinnern, ich kann mich an alles erinnern, an dem Tag hat sich mein Leben verändert. Ich habe einfach Selbstbewusstsein bekommen. Das hätte mein Vater mir hundertmal sagen können. Aber dass ein Rektor einer Schule, ein Beamter, ein gestandener Mensch aus dem Bildungssystem das sagt, das ist wie wenn ein Arzt sagt: Sie sind gesund.

„Es muss Leute geben, die dafür sensibilisiert sind, dass

es auch andere Wege geben kann.“

Und das ist, das darf man nicht unterschätzen. Deswegen dieses mit den Emotionen. Das klingt erst mal so: Hey, was meint der mit Emotionen? – Das meine ich mit Emotionen. Der hat sich mal getraut, was anderes zu machen. Übrigens, dieser Lehrer taucht in dem Film „Du schaffts das“, der mich ein Jahr bei der Arbeit begleitet hat, auch auf. Den habe ich nämlich dann mit dem Kamerateam nach 20 Jahren besucht. Und als ich mich bei ihm bedankt habe, ich weiß gar nicht, ob das in der Szene drin ist, da hat er gesagt, was bedankst du dich bei mir, ich habe nur meinen Job gemacht. Das ist so ein richtiger Ruhrpott-Mensch. Wissen Sie, was das Interessante daran ist? – Der hat auch die Schule abgebrochen, das Gymnasium. Das Gymnasium, auf dem ich war. Das hat er mir dann bei den Dreharbeiten erzählt. Damals wusste ich das noch nicht. Das heißt, der hatte eine Sensibilität für meine Biografie gehabt. Eine Sensibilität für mein Scheitern gehabt. Weil er selber gescheitert ist. So. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt alle scheitern müssten, damit wir die Dinge verstehen. Aber dass es Leute gibt, die dafür sensibilisiert sind, dass es auch andere Wege geben kann.

Die Fragen stellte Bettina Kracht

NRW-Zentrum für Talentförderung

Um mehr Talente in NRW fördern zu können, hat das nordrhein-westfälische Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen im Dezember 2014 den Auftrag gegeben, das NRW-Zentrum für Talentförderung aufzubauen.

Das NRW-Zentrum für Talenförderung wird sich auf zwei Säulen stützen. Das Servicezentrum wird dafür zuständig sein, die anderen Hochschulen bei Bedarf beim Scouting-Thema zu beraten und zu begleiten. Im Institut, geht es um neue Konzepte und um Lehrerfortbildung. Die staatlichen Hochschulen im Ruhrgebiet wurden aufgefordert, sich beim Ministerium zu bewerben für das Scouting-System. In der ersten Phase sollen fünf staatliche Hochschulen beteiligt werden. In der letzten Ausbauphase sollen alle staatlichen Hochschulen im Ruhrgebiet als Pilotregion eigene Scouts haben.

 

Link zu dem Film „Du schaffts das“ über die Arbeit von Suat Yılmaz

Link zur Website von „Meine Talentförderung“


Über Bettina Kracht | Deutsches Studentenwerk

Ich arbeite seit 2010 im Referat Presse des Deutschen Studentenwerks und begleite das Programm Studium+M als Redakteurin des Blogs. Ich hoffe, mit dem Blog viel Wissen, Material und Experteninterviews zum Thema „Studieren mit Migrationshintergrund“ sammeln zu können, um mit diesem Erfahrungsschatz weitere Studentenwerke bei der Umsetzung ähnlicher Projekte zu unterstützen.

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